Sonntag, Oktober 04, 2009

Hagen Rether - ein Zyniker?

Ein bisschen gefälliger ist er geworden: Heller Anzug statt schwarzem Sargträgeroutfit, keine Armbinde mehr, dafür ein blitzender Ring an der rechten Hand. Ein bisschen grauer ist er auch geworden, aber nicht altersmilde - wäre auch mit noch nicht ganz 40 etwas zu früh. Wobei: Andere haben in dem Alter schon ihre Memoiren schreiben (und auch lesen) lassen.

Was treibt den Mann nur an, in irgendeiner Stadt in der westfälischen Provinz, die bekanntermaßen schwärzer ist, als die Nacht, aufzutreten? Ist mit auch egal - ich habe mich gefreut. Nennen wir es Seelenverwandtschaft. Nur: Herr Rether verdient sein Geld damit, solche Klarheiten von sich zu geben. Ok, für ein paar Zuschauer waren seine gnadenlosen Analysen und erschreckend zutreffenden Beobachtungen ein bisschen viel - die sind dann halt gegangen.

Ganz so bitter scharfzüngig, wie in den ersten Jahren ist er nicht mehr. Die Kritik in meiner oft geschätzten Heimatzeitung heute nennt ihn zynisch, das trifft es nicht. Dann schon eher die Wertung der Süddeutschen, die Rether als Optimisten bezeichnet.

Zynismus und Moral passen nicht zusammen, sind sich sogar spinnefeind. Eben deswegen stimmt ja auch Rethers Satz, dass Wurst im Eigendarm Zynismus pur sei. Wer gut hinhört, dem wird auffallen, dass Herr Rether ein wahrscheinlich zutiefst moralischer Mensch ist. Vom moralischen Standpunkt aus hat er recht, wenn er den Klerikern ihre amoralische Haltung vorwirft, wenn er das Paradoxon zwischen kirchlicher Lehre und real existentem Katholizismus auf den Punkt bringt.

Ebenso trifft seine Analyse der medialen Welt zu, in der dem achso aufgeklärten Bürger häppchenweise Pseudoskandale kredenzt werden, in der berechtigten Hoffnung, dass die wirklichen Schweinereien im Verborgenen bleiben. Dazu bedarf es keiner Verschwörungstheorie, sondern nur eines wachen Blickes.Und wirklich vielleicht mal Arte und Phoenix nachts um zwei Uhr gucken, kann ich auch nur empfehlen.

Meine geschätze Heimatzeitung reduziert leider Rethers Haltung drastisch, aber um so schmerzfreier:

"Vor ausverkauftem Hause holte Rether zum Rundumschlag aus und ließ kein gutes Haar an den großen Köpfen aus Politik, Medien und Wirtschaft."

Nun von Medienschelte oder Politikerabwatschen war an dem besagten Abend wenig bis nichts zu hören. Viel unangenehmer, wenn überhaupt sind wir selbst schuld an der Misere (wir könnten ja wirklich mal die TAZ lesen, statt mit dem Stern zu verblöden), denn Rether lässt keinen Zweifel daran: "Nur die dümmsten Kälber, wählen ihren Schlachter selber."